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Lisa Domin

(*1983, D)

Twin Towers

Lisa Domins Arbeit Twin Towers besteht aus drei schwarz-weiß Fotografien, die aber nicht inhaltsträchtiger sein könnten: sie zeigen eine kleine Tischgesellschaft, Essensreste, zwei vergnügte Gesichter, gegenüber ein ernstes. Durch Gestik und Mimik lässt sich erschließen, dass die junge Frau mit Brille ihren beiden frohsinnigen Tischpartnerinnen etwas zu erklären versucht und sich dabei zweier Löffelbiskuits als Hilfsmittel bedient. Was sich anhand des Dargestellten nicht erschließen lässt, ist der Inhalt des Diskurses – diesen verrät der Titel der Arbeit. Doch wie kommt es zu dieser Situation?
2008 verbringt die Fotografin zusammen mit einer New Yorker Kunsthistorikern einige Wochen in Valjevo, einer Kleinstadt im Süden Serbiens, um einen Sprachkurs zu absolvieren. Beide nächtigen im Schlafzimmer der älteren Dame, die selbst im Wohnzimmer schläft und ihre Gäste nach bestem Gewissen bewirtet. An einem Tag ist die Enkelin der Gastgeberin zu Besuch. Während des Abendessens thematisiert die Kunsthistorikerin die Ereignisse des 11. September 2001 und beiden Sprachtouristen wird klar, dass dies ein Moment der Weltgeschichte ist, über den ihre Gastgeberin sowie deren Enkelin keinerlei Kenntnisse besitzen. Angesichts der damaligen medialen Omnipräsenz ist dies (für uns) eine unerklärliche und nahezu unmögliche „Wissenslücke“ - da es (unserem) heutigen Standard entspricht jederzeit und überall sämtliche Informationen abrufen zu können. Diese abendliche Situation als sonderbare Ausnahme zu deklarieren ist unserem individuellen Beurteilungsvermögen geschuldet – aber wahrscheinlich sollte das Selbstverständnis,
das wir dabei an den Tag legen, fragwürdig sein.